09.Juli N°2
9. Juli 2009
Ach, der Direktor bat mich, ein Künstlerfrühstücks-Porträt an dieser Stelle einzustellen. Bitte, hier ist es:

Abgesehen davon, dass das Tischtuch auf dieser Abbildung ungebügelt ist, hat ein klassisches Schaubudenfrühstück genauso auszusehen. Dazu wird frisches Rührei gereicht, Kaffee, Earl Grey und Kräutertee, Orangensaft und Wasser stehen bereit. Seit gestern geht es nicht ohne eine Kiste Red Bull, die Chris Lynam täglich wahnhaft in seiner Gurgel verdampft.
09.Juli
9. Juli 2009
Liebes Tagebuch, wie jetzt? Schon wieder Donnerstag? Nur noch vier Nächte, verdammt noch mal. Hin- und hergerissen bin ich: soll man es noch mal so richtig krachen lassen und sich voller Elan ins Festivalgetümmel werfen, rums, was kostet die Welt. Oder besser auf der SchaubudenWolke austrudeln lassen, der sanften Strömung folgen, bis sich der Traum wieder auflöst? – Am besten gar nicht ans Ende denken, denn nur hier und jetzt lebt, atmet, spielt der Mensch, außerdem kommen ja noch so viele neue Attraktionen: Heute spielen Annamateur und Putsmarie den Worst Case durch zum Beispiel und in den letzten beiden Nächten spielen die Beez zum Tanz auf, die Verrückten Biester.
Heute morgen haben die beseelten Derevo-Protagonisten ihre Bühne leergeräumt, vier Stücke an vier Tagen, to dream, to be, to feel, to play – und nun schon wieder unterwegs… Schön, dass Ihr hier ward!

Übrigens, liebe Zuspätkommer: Ihr habt den Himmel verpasst! Zwei Schweizer Prinzessinnen in einer Wolke aus Luftballons unter dem Dach der Scheune, die Ursonate von Kurt Schwitters als LuftWindSturmSäuselPiepsGewitter! Naja. Das ist längst nicht alles, was ihr verpasst habt. – Aber der Direktor und ich, wir sitzen gelassen auf der SchaubudenTerasse und lassen uns den Sommerwind ins Gesicht wehen. Schaubudenfrischzellenkur. Schön. Hier bin ich Hans, hier darf ich sein!
08.Juli N°3
8. Juli 2009
SchaubudenMittag. – Der Direktor fährt eine Inspektionsrunde mit seinem Fahrrad über den SchaubudenPlatz und hofft auf etwas Regen, damit der Rindenmulch nicht die Lungen der um die Gunst der Zuschauer buhlenden Künstler verstaubt. Cora malt eine Hölle für ihre Kranichfrau-Performance. Papa Heiko zimmert die Bude dafür. Die Frühstücksfee reicht noch mal Rührei nach. Derevo´s Anton wischt seine Bühne und spielt im Festival-Café Gitarre. Daniel bastelt an seinen Sounds, einige Künstler trainieren, Kaspars Posaune ist zu hören und Chris braucht einen Internet-Zugang. Annamateur liegt auf dem Sofa, während Nick Porsche semi-engagiert sein Schlagzeug bearbeitet. Die Bühnen werden hergerichtet, Schilder gemalt. Ein Tag stiller Geschäftigkeit … die Schaubude ruht sich aus, der Wind spielt mit den fliegenden Untertrikotagen. Der Himmel rast über die Stadt und weiß nichts von seiner schlafenden Schwester hier hinter der Scheune.

08.Juli N°2
8. Juli 2009
Mein liebes Tagebuch!
Ich habe mir ein Gerstenkorn eingefangen und mein rechtes Auge macht mir Kummer. Warum heute, warum jetzt und warum ich? Jetzt käme mir Dr. Eisenbarth gerade recht, der alte Scharlatan. – Doch andere liebe Schaubudengeister haben sich bereits meiner angenommen – die schreibende Füchsin hat fast eine halbe Seite ihres Schauboten meinem Gerstenkorn gewidmet. Aber noch niemand hat mir ins Auge geschrieen. Und Cora Frost hat in der Mitternachtsshow mit einem Ritual das Ding in meinem Auge aufs Korn genommen. Leider konnte ich nicht persönlich erscheinen, denn gerade just kam Chris Lynam aus London angeflogen, auf den hier alles wartete. – Heute kommt das Biest endlich auf die Bühne, im La Luna läßt er´s krachen.
Leute, verpasst bitte nicht den Gregor Wollny, den wunderbaren Mann mit dem Zollstock und dem unglaublichen SlapstickCharme, der ist morgen nämlich weg! Genau wie Derevo, die heute ihr viertes und letztes Stück zeigen! Weg ist leider schon jetzt die Frostfamilie, aber Cora öffnet heute die kleinste Bude des Platzes für ihre Kranichfrau. die herrlichen dreissig Böswetter-Minuten sind heute ebenfalls zum letzten Mal zu sehn – macht aber nix, der Typ ist so nett penetrant, der wird euch dennoch ab und an über den Weg laufen und sein Innenleben wird sich ab morgen in Wachtmeester Pickelhering ganz neu materialisieren, dazu gibts Rollmöpse mit saurer Gurke.
Ich selber fühle mich ganz heuschreckisch und mückisch von der wilden Insektenperformance mit meiner anderen Bezugsgruppe. Der SchaubudenPlatz wird mich leider entbehren müssen und ich ihn, solange ich ein Krabbeltier bin. Viele Lieben wohnen ach in meiner Brust!

08.Juli
8. Juli 2009

Liebes Tagebuch, liebe Schaubüdigen!
Post von Karolin, die ich euch nicht vorenthalten will:

07.Juli
7. Juli 2009
Liebes Tagebuch,
heute ist Bergfest – und ich werde mit meiner anderen Bezugsgruppe eine Insekten-Show aufführen. Ich darf mal Hummel und Mücke sein … Na, mal gucken. Aufgregt bin ich.
Auch im kleinen runden Zelt gibts heute neue Gäste – die Jindrich Staidel Combo spielt, mit ihrer Brass-Mugge beschallen die den ganzen Platz. Speedpolka, Ansagen tschechisch, trashig, da hüpft die Bude! Und Chris Lynam wird vom Flughafen abgeholt, damit er sich hier seine Feuerwerkskörper in den Hintern schieben kann.
Ja, ward ihr schon im Container 7, der mal Kuriositätenkabinett Anne Klein hieß? – Ich war vorgestern eine halbe Stunde drin und es war, als säße ich für einige Zeit in den Innereien des SchaubudenSommers, ganz für mich, allein und still. Das tat sehr gut.

06.Juli
6. Juli 2009
Mein liebes Tagebuch. – Diese ganze Geburtstagsfeierei hat ja auch ein anderes Gutes – man kann ganz unverhohlen die Geburtstage anderer Menschen ausspionieren. Zum Beispiel den von Kultur-Alice, die ihre letzten Geburtstage ganz allein verbringen mußte – eine Frau, die jeder in der Neustadt kennt, aber beim Geburtstag sitzt sie einsam in ihrem Gehäuse. – Leute, da sind wir doch gefragt – die Schaubudenfamilie! – Am 28.August wurde Alice geboren, wie der Goethe. – Also: Nicht vergessen!
Der Echsenmann und ich haben AliceNeustadtIkone noch nach Hause gebracht, sie kommt ja kaum voran mit ihren kranken Beinen. Stufengehen klappt schon gar nicht mehr. Um schneller voran zu kommen, redet sie ihren Beinen stets gut zu. – Ich trage zwei von ihren rätselhaften Plastiktüten und der Echsenmann stützt sie beim Stufensteigen. sie hat sich ein paar Luftballons von Gaggalaari mitgenommen, denn Farben liebt sie und ihre Wohnung sei so weiß wie ein Büro. – Hm. Wir sollten Christian Egon Seimann zu ihr schicken, den Meister der Blauen Orange, um sich der Farbwelt von Alices Wohnung anzunehmen. Wäre auch ein schönes Geburtstagsgeschenk.
Apropos Geschenk: die Herren Frei und Willig haben Urlaub, haben sich bei uns eingeschlichen, ihre Strandkörbe an der SchaubudenRiviera aufgeschlagen und um ihre Strandgebühr beim Direktor zu entrichten, haben sie sich in Coras Nachtsalon verdingt. “Ich möchte nicht im Frühling sterben” ist ein verständlicher Wunsch, erstmal, aber im Herbst zu vermodern, wo alles auf Melancholie und Abschied dekoriert ist, ich weiß nicht, das wäre meine Sache schon gar nicht. – Der Herbstbeitrag der beiden Gärtnergesellen geriet dann auch viel mitreißender. Herr Frei wuchs über sich hinaus, bespuckte das Mikrofon mit harten Zischlauten und rollte das R jandelisch wie ein Dadaist der ersten Stunde. Na holla! – Dabei haben die beiden Wort- und Tonkünstler seit zwei Jahren nix zusammen gemacht. Da bewahrheitet sich wieder eine der Weisheiten der Regielegende, die meiner anderen Bezugsgruppe vorsteht: Proben wird sowieso überbewertet.
05.07. N°2
5. Juli 2009
Meine Lieben!
Mein Bruder Hanno und ich haben für euch geschwitzt unter Fellkleidern und Wintermützen. Ich denke wir lassen den Abend mal ruhig angehen. Zumal so schön malerische Wolken über dem Schaubudenhimmel stehen.
Bis später – Euer Hans Grimmig
05.Juli
5. Juli 2009

Liebe Schaubude,
ach je, das wird ein Liebesbrief. Ich bin verknallt, glaub ich. Verknallt in dich, du schönes Dreckstück, alte Rampensau, du zarte Lichtfahle, glitzerbesessene Bestie, du scheuer Falter. – Ich sitze inmitten all deiner Kinder und bin berauscht, als hätte ich eine Flasche Himmel auf Ex getrunken. Wir feiern Esel-Ellis Geburtstag und den von Cora. Liebeserklärungen und funkelnd-glasige Augen bis ins Morgengrauen.
Ich war in Coras Raritätenschau und bin immer noch benommen. Die größte Unterhose und das kleinste Klavier der Welt, ein irrer Frühling, die Bartfrau präsentiert von einer Frau, die sich verschenkt und keine Häme kennt. Ich will sitzen bleiben und deinen Liedern lauschen, und am Untergange deines Dampfers mich berauschen!

Und Hacki, der wilde Bühnen-Enterer, dieser vom Schaubudensaft genährte Großkotz brachte uns alle beiderseits der Gürtellinie zum Lachen. – Klein Barry Lubin verließ uns gen Wien und wollte gar nicht fahren, hatte schon Sehnsucht, bevor er den Zug bestieg. Beseelt glotzten Echsenmann und Gott, Laschi und die drei Durcheinander-Clowns. -Der Direktor und seine Gattin strahlten als Nachtsonnen! – Die immerwache Füchsin spazierte über den Rindenmulch als wärs russischer Schnee in einem Nikita-Michalkow-Streifen. – Und der Zargenfalk versuchte den polyamoren Spagat zwischen schaubuden- und personenfixierter Liebe. Viel Glück dabei!!!
Worauf könnt ihr euch heut abend freuen?
Auf Derevo im Saal! Mit “Anima Allegre” verheiraten sie altes russisches Clownstheater mit wilder Tanzperformance. – Wen dürft ihr nicht verpassen, weil heute zum letzten Mal da: Olaf Böhme im Laufstall und Gaggalaari beim Kampf mit den hundert Luftballons.

Einen schönen Sonntag Euch allen, und: Hacki Ginda grüßt das Tagebuch!

04.Juli – N°2
4. Juli 2009
Coras Nichte Boris trat soeben zart an mich heran, wies mit dem Finger auf den Zirkuswagen, die Behausung der Frostfamilie. “Hast du das geschrieben, Hans?” – “Was?” – “Na hier: groupies keep out. – Also, ich persönlich sehe das anders, äh…” Kurzes Schweigen. Also, Groupies, die Boris kennenlernen wollen, sind herzlich eingeladen, ihn wo auch immer abzufangen.
Zum Thema “Weitere Gespräche, die mich bewegen” gab es noch eine kurze Unterhaltung mit der schlauen Füchsin, die mich heute mit den schlichten Worten empfing: “Deine Tagebuch-Einträge sind diesmal gar nicht so blumig.” Und als ich mein Gesicht zusammenballe, bringt sie den Nachsatz: “Das ist gar nicht als Kritik gemeint.” Hm. Hähä. Blumig, blumig ist doch heute schon ihr giftgrünes Kleid, das ihr unter den Achseln spannt. Ich bin getroffen und werde einige Stunden redlich schweigen.