18.Juli

Ja, verdammtnochmal! Hat Sie es wieder geschafft! Hat sich aus dem Staub gemacht und keiner kann auch nur sagen, wie es geschehen ist. Es ist wie mit dem Aschenputtel, klingklong, die Stunde ruft, weg ist sie und zurück bleibt ein kleiner Schuh – in unserm Fall: ein Rudel Unterhemden. – Schaubude, du flüchtige Dirne, hast uns trunken gemacht, unsere Sinne herrlich umnebelt und im höchsten Überschwang hast du dich verpisst, wie jedes Jahr! Aber was hast du in diesem Jahr für einen Aufwand betrieben! – Und was haben dir deine Jünger gehuldigt! Nee! Und ich bin mir sicher: der Direktor hatte gewiss seine Finger im Spiel, hat mit dir gemeinsame Sache gemacht, auch wenn er jetzt unschuldigt tut und scheinbar ahnungslos mit den Prinzipalsschultern zuckt.

Sage und schreibe sechs Tage habe ich gebraucht, um wieder zu Sinnen zu kommen und den Schreibgriffel beim richtigen Ende zu packen! Und immer noch ist da in mir ein gewisses Taumeln. Selbst der Himmel ist vollends verwirrt, brütet hitzig über der Stadt, entlädt sich in wildem Gestürm und heult nun vor sich hin.

Doch, liebe Freunde, mein liebes Tagebuch, ich versuche die Ereignisse zu rekapitulieren, von Anfang an. – Als sich am Sonntag noch einmal die gesamte SchaubudenFamilie versammelte, meinte man: In diesem Jahr würde man die wilde scheue SchaubudenDame beim Rockzipfel zu fassen kriegen, bevor sie entschlüpft, oder wenigstens ein Fetzchen von ihr zu ergattern, an dem man sich übers Jahr dann laben kann. - Und wie ihr alle zu Füßen lagen! Annamateur verrenkte sich gar den Arm, die Insekten schwitzten im überfüllten Zelt, die Freaks gaben sich noch mal die Ehre, die Oralneurotiker halfen nicht nur sich selbst sondern auch den zahlreich strömenden Patienten. Und Hacki Ginda machte den Impresario bei seiner Allstars-Weltuntergangsperformance, die alles aufbot, was der Schaubudensommer aufzubieten hatte. – Der Platz hatte sich endlich etwas gelichtet, aber der Direktor wollte es noch einmal wissen: ließ die Zigeunerkapelle aufspielen und ließ alle und alles beklatschen, was irgend nach Schaubude roch, herrlich!!! – Der Frühling tanzte noch einmal, The Beez beezten und Cora ließ alle auf russisch Liebeslieder gurgeln. Und als ob das allein nicht schon der Wahnsinn wäre – Chris Lynam war es nicht genug, legte noch einmal seinen Striptease hin und schob sich den letzten Feuerwerkskörper in den Hintern und machte uns die Rakete!

In einem raffinierten Täuschungsmanöver schickte der Direktor die Tanzwilligen mit den Beez in den Festivalclub, der. warum auch immer, in diesem Jahr Blue Orange hieß; inzwischen aber heckte er mit der Zigeunerkapelle einen Plan aus. Wie ein Spielmann führte er sie an und machte gegen vier Uhr den Rattenfänger von Dresden, vorneweg ein leuchtendes Hemde, die Kapelle hinterdrein und ein Zug schaubudiger Gesellen tanzend, wippend und vergnügt hintan. Der Weg schien vorgezeichnet, gemütlich und doch zwangsläufig glitt der traumwandlerische Zug durch die Nacht, hier und da traten Menschen mit leuchtenden Augen an die Fenster und glaubten ihren Augen und Ohren kaum. Am Albertplatz, beim Kästner bremste die Schar und fand neben süffigen Getränken auch ein  Briefchen vom alten Erich vor, den ich Euch hier nicht vorenthalten will:

“Als ich ein kleiner Junge war, hab ich hier angeblich ganz oft gesessen. Kann sein. Aber so hab ich bestimmt nicht ausgesehen. Als ich ein kleiner Junge war, hat mein Muttchen immer Rollmops gemacht, deshalb bin ich auch so selten nach Hause gegangen, zur Essenszeit. Wenn mein Muttchen mal keinen Rollmops gemacht hat, dann hat sie Korn getrunken. Deshalb bin ich auch vor und nach der Essenszeit so wenig nach Hause gegangen. Und dann hat sie ganz traurige Lieder gesungen. Ich bin mal mit Emil bis zum goldenen August gelaufen und dort haben wir dann einen Hut von Emils Vater hingestellt und haben die traurigen Lieder von meinem Muttchen gesungen. Dazu haben wir ganz große Augen gemacht und uns die Hand vor den Bauch gehalten, gerade so, als hätten wir bei Muttchen Rollmops gegessen. Das haben wir aber nie gemacht. Als ich ein kleiner Junge war, haben wir gleich hier auf dem Albertplatz neben dem linken dem guten Brunnen eine Bude gebaut. Die haben wir Schaubude genannt und man musste 2 Pfennig bezahlen, um hinein zu sehen. Man hat aber gar nichts gesehen. Auch deshalb haben wir sehr schnell wieder abgebaut. – Die Leute sagen ja, früher war alles besser, aber wenn ich an die Schaubude von mir und Emil zurückdenke, dann kann ich nur den Hut ziehen, den ich auf späteren Fotos von mir manchmal aus habe.”

Dann haben wir innig auf ErichKästner angestoßen und getrunken, doch schon zog uns die Zigeunerkapelle weiter, der Himmel changierte schon tiefblau leuchtend und ein anderer Dichter stoppte die ausgelassenen Nachtbummler mit seinem Gruß. Auch Schiller spendierte Sekt und sog sich einige pathetische Zeilen aus den Finger, auch die sollen hier nicht fehlen:

“Dass Ihr hierher kommt, ehret mich, / denn selbst die Dresdner wissen nicht, / wo ich in Stein gemeißelt bin, / wenigstens ihr hier, na immerhin. //Ihr wisst, ich war ein großer Dichter / und was gut ist, das lass gewähren, / so wie Ihr mich mit Besuche, / will ich Euch mit Versen ehren. -  Achtung! Ich beginne. – Noch befestigt in der Erden / stehen die Zelte hoch gespannt. / Kommt wir stehlen ein paar Pferden / Zucker aus der Hufenhand. – Jetzt habe ich den Faden verloren. Goethe spring bei. – Kann mich selbst kaum noch bewegen / und sah alles nur von fern, / wie es anfing mit drei Zelten, / wie es ward ein eigner Stern. // Und es ward und war gewaltig, / Scharen kamen, blieben stehen, / denn so zauberhaft gestaltet, / hatten sie noch nichts gesehen. // Die Programme quollen über/ und frenetischer Applaus, / hallte wie im Sommerfieber / in die frische Nacht hinaus. // Es ist zwar nicht meine Bühne, / die ihr da vielfach erbaut, / doch die Art, die stürmisch kühne, / ist so nahe meinem Haupt. – Gute Nacht, meine Lieben.”

Manche mussten weinen, die Schauboten-Füchsin grinste irgendwie und die Zigeunerkapelle verstand kein Wort, drum wollten sie weiter weiter weiter und spielten spielten die Hauptstrasse entlang dem Morgen entgegen. Und vom Goldenen Reiter herunter brüllten zwei wild gewordene Kletterer zu erneuter Sektstärkung die vermeintlichen Grußworte des starken August:

“Ihr umherziehenden Künstler, ich bin August der Starke, Begründer der Gemäldegalerie Dresden. Der weltberühmten Gemäldegalerie. Ich habe hier nicht so viel von eurem Festival mitbekommen, weil ich immer nach Polen schielen muss. Nicht meine Schuld, ich bin so gebaut. Aber eines sag ich euch, der SchaubudenWinter wäre zu meiner Zeit eine Perle des kulturellen Lebens gewesen, ich meine im Sommer kann ja jeder glänzen.”

Hm. Unser August. SchaubudenWinter – das ist eine ganz andere Geschichte, und außerdem einmalig und Legende. – Die Rattenfängerkapelle zog uns weiter, zur Elbe, die Nacht und Morgen vor unseren Augen trennte und kaum waren wir in dieses wunderbare Zwielicht eingetreten, da erstand vor uns eine ganz eigene Idylle: ein lichtes Feuer brannte, umringt von Kanapees, die uns zum Lagern einluden, weißgedeckte Tische, mit Speisen und Getränken, ein Ort zum Verweilen, direkt am Steg, von dem aus wir dem in See stechenden SchaubudenKutter winken wollten. Ein Wunder und eine Fügung, ein Zufall und doch von Künstlersinn geplant und ersonnen.

Doch, was sich hier zutrug, liebe Neugierige, das berichte ich euch demnächst.

Gute Nacht, Euer Hans Grimmig.

veröffentlicht am 18. Juli 2009 von heiki.ikkola in Allgemein

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